Inkontinenz vorbeugen

Beckenbodentraining: Übungen für Frauen und Männer

Wie du den Beckenboden findest, richtig anspannst, hältst und löst, wie viele Sätze du brauchst und nach wie vielen Wochen es wirkt. Damit beugst du Inkontinenz vor, als Frau und als Mann, mit Studienlage und klaren Grenzen.

Inkontinenz vorbeugen

Kurz gesagt

Beckenbodentraining ist die erste Wahl gegen Belastungsinkontinenz: dreimal täglich mindestens 8 Anspannungen, mindestens 3 Monate lang.

  • Frauen mit Belastungsinkontinenz, die ihren Beckenboden trainierten, berichteten achtmal häufiger von Heilung als Frauen ohne Training: 56 gegen 6 Prozent (Dumoulin 2018). In der Schwangerschaft senkt Training das Risiko, inkontinent zu werden, im späten Schwangerschaftsdrittel um 62 Prozent (Woodley 2020).
  • Bei Männern nach Prostata-OP ist die Lage gemischt: Training beschleunigt die Rückkehr der Kontinenz in den ersten Monaten (Van Kampen 2000), nach einem Jahr zeigt eine große Studie keinen Unterschied mehr (Glazener 2011). Bei Nachtröpfeln und Erektionsproblemen hilft es gut belegt (Dorey 2004, Dorey 2005).
  • Nur jede zweite Frau spannt nach kurzer mündlicher Anleitung richtig an (Bump 1991). Deshalb erst den Muskel sicher finden, dann täglich trainieren, und wenn es nach 3 Monaten nicht besser ist, in die Beckenboden-Physiotherapie.

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Beckenbodentraining ist eine der am besten belegten Übungen, die du ohne Geräte, ohne Studio und ohne dass es jemand merkt machen kannst. Es richtet sich an eine Muskelgruppe, an die die meisten erst denken, wenn beim Husten, Niesen, Lachen oder Joggen ein paar Tropfen danebengehen. Dabei ist ungewollter Urinverlust häufig, aber keine normale Alterserscheinung, und in vielen Fällen lässt er sich verhindern oder deutlich bessern.

Dieser Guide zeigt dir, wie du den Beckenboden findest, wie eine saubere Anspannung aussieht, wie viele Sätze du brauchst und nach wie vielen Wochen du mit einer Wirkung rechnen kannst. Frauen und Männer bekommen je einen eigenen Abschnitt, weil sich Anlass und Studienlage unterscheiden. Am Ende steht, wann du zum Arzt oder in die Physiotherapie gehst. Jede Zahl hat eine Quelle, die Liste steht am Ende.

Was der Beckenboden macht und warum Training wirkt

Der Beckenboden ist eine Schicht aus Muskeln und Bindegewebe, die das Becken nach unten abschließt wie eine Hängematte. Er trägt Blase, Darm und bei Frauen die Gebärmutter, und er umschließt die Ausgänge von Harnröhre und Enddarm. Spannt er sich an, drückt er die Harnröhre zu und hebt die Organe leicht an. Steigt der Druck im Bauch plötzlich, etwa beim Husten, muss er in Bruchteilen einer Sekunde dagegenhalten.

Genau hier setzt das Training an. Wie jeder Skelettmuskel wird der Beckenboden durch wiederholte, kräftige Anspannung stärker und reagiert schneller. Bei Frauen mit Belastungsinkontinenz führt Beckenbodentraining zu einer Verdickung der Harnröhren-Schließmuskeln und dazu, dass sich der Blasenhals beim Husten weniger bewegt; so fasst es der Cochrane-Review im Hintergrundteil zusammen (Dumoulin 2018). Das erklärt, warum das Training vor allem bei Belastungsinkontinenz so gut wirkt: Es behebt direkt die Schwachstelle.

Schwächen können den Beckenboden Schwangerschaft und Geburt, Übergewicht, chronischer Husten, häufiges starkes Pressen bei Verstopfung, Operationen im Becken wie die Entfernung der Prostata und die hormonellen Veränderungen der Wechseljahre. Einige davon kannst du beeinflussen, das Training selbst sowieso.

Welche Formen von Inkontinenz es gibt

Harninkontinenz ist kein Randthema. In der norwegischen EPINCONT-Studie mit 27.936 Frauen ab 20 Jahren hatte ein Viertel Urinverlust, knapp 7 Prozent in einem Ausmaß, das mittel bis schwer war und als belastend erlebt wurde. Die Häufigkeit stieg mit dem Alter. Die Hälfte der Fälle war Belastungsinkontinenz, 36 Prozent Mischinkontinenz und 11 Prozent Dranginkontinenz (Hannestad 2000). Welche Form du hast, entscheidet mit darüber, wie gut Beckenbodentraining allein hilft.

FormTypisches ZeichenHäufige UrsachenRolle des Beckenbodentrainings
BelastungsinkontinenzTropfen beim Husten, Niesen, Lachen, Heben, SpringenSchwacher Beckenboden oder Schließmuskel, nach Geburten, nach Prostata-OPErste Wahl, am besten belegt (Dumoulin 2018, NICE 2019)
DranginkontinenzPlötzlicher, starker Harndrang, du schaffst es nicht rechtzeitig zur ToiletteÜberaktive Blase, Blasenentzündung, neurologische ErkrankungenHilft als Teil der Behandlung, dazu Blasentraining und Umgang mit Koffein (NICE 2019)
MischinkontinenzBeides zusammenKombination der UrsachenErste Wahl bei Frauen, zusammen mit den Maßnahmen gegen Drang (NICE 2019)
ÜberlaufinkontinenzStändiges Tröpfeln, Gefühl, die Blase nie ganz zu leerenAbflusshindernis wie eine vergrößerte Prostata, NervenstörungenKein Ersatz für die ärztliche Abklärung
Funktionelle InkontinenzDie Blase funktioniert, aber der Weg zur Toilette klappt nichtEingeschränkte Beweglichkeit, DemenzNebenrolle, Umgebung und Mobilität zählen mehr

Auch Medikamente können die Blase beeinflussen, etwa entwässernde Mittel, manche Antidepressiva oder Anticholinergika. Wenn der Urinverlust nach einer neuen Verordnung beginnt, sprich das in der Praxis an, bevor du etwas absetzt.

Beckenbodentraining: Anleitung in vier Schritten

Die Übung ist schnell erklärt, aber leicht falsch gemacht. In einer klassischen Untersuchung bekamen 47 Frauen eine kurze mündliche Anleitung und sollten dann den Beckenboden anspannen. Nur 49 Prozent schafften eine ideale Anspannung, die den Verschluss der Harnröhre verstärkte, ohne dabei nach unten zu pressen. 25 Prozent spannten so an, dass es die Inkontinenz sogar fördern konnte (Bump 1991). Deshalb kommt der erste Schritt vor allen Sätzen und Wiederholungen.

Schritt 1: den Beckenboden finden

Setz dich aufrecht auf einen Stuhl, die Füße flach auf dem Boden, Bauch, Po und Oberschenkel locker. Stell dir vor, du müsstest gleichzeitig Wind und Urin zurückhalten. Die Bewegung geht nach innen und nach oben, nicht nach unten.

  • Frauen: Scheide, Harnröhre und After ziehen sich zusammen und leicht nach innen oben, als würdest du einen Tampon festhalten und anheben.
  • Männer: Die Peniswurzel zieht sich leicht nach innen, die Hoden heben sich ein Stück. Vor dem Spiegel stehend siehst du, wie sich der Penis minimal anhebt.
  • Kontrolle: Du atmest dabei normal weiter. Der Po bleibt weich, die Oberschenkel drücken nicht zusammen, der Bauch darf sich unterhalb des Nabels höchstens leicht mitspannen. Wenn du die Luft anhältst oder das Gefühl hast, nach unten zu drücken, stimmt die Richtung nicht.

Unterbrich zum Finden nicht regelmäßig den Harnstrahl. Einmal kann das Gefühl verdeutlichen, als Training eignet es sich nicht, weil die Blase dann nicht vollständig entleert wird. Wenn du nach ein paar Tagen unsicher bist, ob du richtig anspannst, ist eine Beckenboden-Physiotherapeutin die schnellste Abkürzung. Sie kann die Anspannung ertasten oder per Ultraschall sichtbar machen.

Schritt 2: anspannen, halten, lösen

Eine Wiederholung besteht aus drei Teilen: kräftig anspannen, halten, dann vollständig lösen. Das Lösen ist genauso wichtig wie das Anspannen, weil ein dauerhaft verspannter Beckenboden ebenfalls Beschwerden macht. Die Pause ist deshalb mindestens so lang wie die Haltezeit.

Ein gut dokumentiertes Protokoll stammt aus einer Studie mit Männern, deren Inkontinenz nach Prostata-OP schon ein Jahr oder länger bestand. Die Teilnehmer begannen mit einer Haltezeit von 2 bis 10 Sekunden, je nachdem, wie lange sie sauber halten konnten, gefolgt von gleich langer Entspannung. Jede Woche kam eine Sekunde dazu, bis zu einem Maximum von 10 bis 20 Sekunden (Goode 2011). Das Prinzip gilt für Frauen genauso: Du startest bei der Haltezeit, die du ohne Ausweichbewegung schaffst, und steigerst langsam.

Schritt 3: Sätze und Häufigkeit

Die britische Leitlinie für Frauen mit Inkontinenz empfiehlt mindestens 8 Anspannungen dreimal am Tag, als betreuten Versuch über mindestens 3 Monate (NICE 2019). In der norwegischen Studie, in der Training besser abschnitt als Elektrostimulation und Vaginalkonen, machten die Frauen 8 bis 12 Anspannungen dreimal täglich und trainierten zusätzlich einmal pro Woche in einer Gruppe mit Physiotherapeutinnen (Bø 1999). Im Protokoll von Goode waren es dreimal täglich 15 Wiederholungen, je eine Einheit im Liegen, im Sitzen und im Stehen (Goode 2011).

Daraus ergibt sich ein einfacher Rahmen: dreimal am Tag ein Satz mit 8 bis 15 Wiederholungen. Eine Einheit dauert je nach Haltezeit 2 bis 5 Minuten. Häufigkeit zählt: In einer Studie verbesserte Training an mehr Tagen pro Woche die Lebensqualität deutlich stärker als an weniger Tagen, allerdings ist das nur ein einzelner Vergleich (Hay-Smith 2024).

Schritt 4: den Beckenboden im Alltag einsetzen

Kraft allein reicht nicht, der Muskel muss im richtigen Moment anspringen. Die Technik dafür heißt „The Knack“: Du spannst den Beckenboden kurz vor und während des Hustens, Niesens oder Hebens an. Ältere Frauen mit leichter bis mittlerer Belastungsinkontinenz, im Mittel 68 Jahre alt, lernten das innerhalb einer Woche. Mit der Technik verloren sie bei einem mittelstarken Husten im Schnitt 98 Prozent weniger Urin, bei einem tiefen Husten 73 Prozent weniger (Miller 1998). Übe das bewusst: vor dem Aufstehen aus dem Stuhl, vor dem Anheben einer Getränkekiste, sobald du ein Niesen kommen spürst.

Der 12-Wochen-Plan

WocheHaltezeitPro EinheitPro TagFokus
1 bis 2So lange, wie du sauber halten kannst, je nach Ausgangslage 2 bis 10 Sekunden (Goode 2011)8 bis 10 Wiederholungen, Pause so lang wie die Haltezeit3 Einheiten: liegend, sitzend, stehendRichtige Richtung, normal weiteratmen, vollständig lösen
3 bis 6Pro Woche 1 Sekunde mehr10 bis 12 Wiederholungen3 Einheiten„The Knack“ bei Husten, Niesen und Heben einüben
7 bis 12Bis 10 Sekunden12 bis 15 Wiederholungen3 Einheiten, mehr davon im StehenAnspannung in Alltagsbewegungen: Treppe, Aufstehen, Tragen
ab 1310 Sekunden15 WiederholungenMindestens 1 EinheitErhalten. Wird es nicht besser: Physiotherapie

Der Plan orientiert sich an den Protokollen von NICE 2019, Bø 1999 und Goode 2011. Hänge die Einheiten an feste Gewohnheiten: nach dem Zähneputzen, an der roten Ampel, beim Warten auf den Wasserkocher. Wer lieber mit Anleitung übt, findet ein Beckenboden-Workout zum Mitmachen auf YouTube. Eine zusätzliche Hilfe kann eine App sein: Anleitung per App verbesserte die Lebensqualität etwas stärker als eine schriftliche Anleitung (Hay-Smith 2024).

Wie lange dauert es, bis Beckenbodentraining wirkt?

Rechne mit etwa 3 Monaten. Die Studien, in denen Frauen mit Belastungsinkontinenz achtmal häufiger geheilt waren, liefen über 3 bis 6 Monate, die Studien zu allen Formen der Inkontinenz über 8 bis 12 Wochen (Dumoulin 2018). Die NICE-Leitlinie setzt deshalb mindestens 3 Monate an, bevor über andere Behandlungen entschieden wird (NICE 2019). Manche merken schon nach wenigen Wochen, dass sie beim Niesen besser dagegenhalten können, vor allem, wenn sie „The Knack“ früh einsetzen. Das Muskelwachstum selbst braucht aber wie bei jedem Krafttraining Monate.

Und danach? Der Effekt hält nur, solange du trainierst. Die Langzeitwirkung über mehr als ein Jahr ist schlechter untersucht als die kurzfristige, darauf weist der Cochrane-Review ausdrücklich hin (Dumoulin 2018). Plane deshalb nach den 12 Wochen eine kleine Erhaltungsroutine ein, mindestens eine Einheit am Tag.

Beckenbodentraining für Frauen

Für Frauen ist die Studienlage eindeutig. Der Cochrane-Review von 2018 fasst 31 Studien mit 1.817 Frauen aus 14 Ländern zusammen. Frauen mit Belastungsinkontinenz, die ihren Beckenboden trainierten, berichteten achtmal häufiger von einer Heilung als Frauen ohne Behandlung: 56 gegen 6 Prozent. Heilung oder Besserung gaben 74 Prozent gegen 11 Prozent an. Über alle Formen der Inkontinenz hinweg lag die Heilungsrate bei 35 gegen 6 Prozent, und im Schnitt ging pro Tag ein Urinverlust weniger daneben. Nebenwirkungen waren selten und geringfügig (Dumoulin 2018).

Bei der Qualität der Belege ist die berichtete Heilung bei Belastungsinkontinenz als hoch eingestuft, die meisten anderen Ergebnisse als mittel. Die Studien waren überwiegend klein und liefen selten länger als ein Jahr. Für die Praxis heißt das: Beckenbodentraining ist die erste Behandlung, die du versuchen solltest, bevor es um Pessare, Medikamente oder eine Operation geht (NICE 2019).

Direktes Training, also gezielte, wiederholte Anspannung des Beckenbodens, war in einem großen Vergleich besser als indirekte Übungen, also Training ohne gezielte Anspannung des Beckenbodens. Ob du allein oder in der Gruppe übst, machte für die Lebensqualität wenig Unterschied (Hay-Smith 2024).

Schwangerschaft und nach der Geburt

Etwa ein Drittel der Frauen hat nach einer Geburt Harninkontinenz (Woodley 2020). Hier zählt vor allem Vorbeugung. Frauen, die in der Schwangerschaft noch kontinent waren und früh strukturiert trainierten, hatten im späten Schwangerschaftsdrittel ein um 62 Prozent geringeres Risiko für Urinverlust und drei bis sechs Monate nach der Geburt ein um 29 Prozent geringeres Risiko. Ob Training eine bereits bestehende Inkontinenz in der Schwangerschaft oder nach der Geburt behandelt, ist dagegen unsicher (Woodley 2020). Die Botschaft ist deshalb: Früh in der Schwangerschaft anfangen, nicht erst, wenn es tropft. Nach der Geburt klärt die Hebamme oder Frauenärztin, ab wann du wieder einsteigst.

Wechseljahre und Übergewicht

Mit dem Alter und den Wechseljahren nimmt die Inkontinenz zu (Hannestad 2000). Das Training wirkt aber auch dann noch: Die Frauen in der Studie zu „The Knack“ waren im Mittel 68 Jahre alt (Miller 1998). Ein zweiter Hebel ist das Gewicht. In einer randomisierten Studie mit 338 übergewichtigen Frauen verloren die Teilnehmerinnen eines sechsmonatigen Abnehmprogramms im Mittel 8 Prozent ihres Körpergewichts. Ihre wöchentlichen Inkontinenz-Episoden sanken um 47 Prozent, in der Vergleichsgruppe um 28 Prozent. Der Unterschied betraf vor allem die Belastungsinkontinenz (Subak 2009). NICE empfiehlt Frauen mit Inkontinenz und einem BMI über 30 deshalb, abzunehmen (NICE 2019).

Beckenbodentraining für Männer

Auch Männer haben einen Beckenboden, und er erfüllt dieselben Aufgaben: Er hält die Harnröhre dicht, stützt die Organe und ist an der Erektion beteiligt. Die Übungen sind dieselben wie oben, nur das Körpergefühl beim Finden ist ein anderes: Peniswurzel nach innen ziehen, Hoden anheben, Po locker lassen. Anlass für Beckenbodentraining beim Mann sind meist drei Situationen: eine Prostata-Operation, Nachtröpfeln nach dem Wasserlassen und Erektionsprobleme.

Vor und nach einer Prostata-OP

Nach der Entfernung der Prostata verlieren viele Männer zunächst Urin, weil ein Teil des Verschlussmechanismus fehlt. Hier ist die Studienlage gemischt, und das solltest du wissen, bevor du dir Wunder versprichst.

  • Frühere Kontinenz: In einer belgischen Studie waren nach 3 Monaten 88 Prozent der Männer mit Beckenbodentraining kontinent, in der Kontrollgruppe 56 Prozent. Nach einem Jahr betrug der Unterschied noch 14 Prozentpunkte (Van Kampen 2000).
  • Training schon vor der OP: Eine Meta-Analyse mit 12 Studien und 1.365 Patienten fand nach 3 Monaten einen Vorteil, nach 6 und 12 Monaten keinen Unterschied mehr (Zhou 2023). Vorheriges Training bringt also vor allem einen schnelleren Start.
  • Nach einem Jahr: Die große britische MAPS-Studie gab Männern, die 6 Wochen nach der OP noch inkontinent waren, vier Einzeltermine bei einer Therapeutin. Nach 12 Monaten waren 76 Prozent mit und 77 Prozent ohne diese Betreuung weiter inkontinent (Glazener 2011). Die Autoren schränken ein: Das gilt dort, wo Informationen zu Beckenbodenübungen ohnehin breit verfügbar sind.
  • Gesamtbild: Der Cochrane-Review mit 50 Studien und 4.717 Männern kommt zu dem Schluss, dass sich die Beschwerden mit der Zeit bei allen bessern, egal wie behandelt wird, und dass der Nutzen einzelner Ansätze unsicher bleibt (Anderson 2015).

Hilft Training, wenn die Inkontinenz schon lange besteht? In einer Studie mit 208 Männern zwischen 51 und 84 Jahren, bei denen der Urinverlust 1 bis 17 Jahre nach der OP noch bestand, sanken die Episoden nach 8 Wochen Beckenbodentraining und Blasenstrategien von 28 auf 13 pro Woche, ein Rückgang um 55 Prozent. In der Wartegruppe waren es 24 Prozent. Biofeedback und Elektrostimulation brachten zusätzlich nichts, und der Effekt hielt über 12 Monate (Goode 2011). Für die Praxis: Vor der OP anfangen, danach konsequent weitermachen, und auch Jahre später lohnt sich ein strukturierter Versuch.

Nachtröpfeln nach dem Wasserlassen

Ein paar Tropfen, die nach dem Anziehen noch in die Hose gehen, sind bei Männern häufig und lästig. In einer Studie mit 49 Männern ohne Prostata-Operation verringerte Beckenbodentraining den Urinverlust stärker als das Ausstreichen der Harnröhre, und beides war besser als reine Beratung (Paterson 1997). In einer weiteren Studie mit Männern mit Erektionsstörungen hatten 36 von 55 zu Beginn Nachtröpfeln. Nach 3 Monaten Training plus 3 Monaten Heimübungen waren 75 Prozent davon beschwerdefrei. Der Kern: eine kräftige Anspannung direkt nach dem Wasserlassen, die den Rest aus der Harnröhre drückt (Dorey 2004).

Erektion

Die Beckenbodenmuskeln drücken bei der Erektion auf die Schwellkörper und halten das Blut darin. In einer randomisierten Studie mit 55 Männern mit Erektionsstörungen seit mindestens 6 Monaten hatten nach 6 Monaten Beckenbodentraining 40 Prozent wieder eine normale Erektion, 35,5 Prozent eine Besserung und 24,5 Prozent keine Veränderung (Dorey 2005). Die Studie war klein, und Erektionsstörungen können ein frühes Zeichen für Gefäßerkrankungen sein. Training ersetzt deshalb nicht die ärztliche Abklärung, ist aber ein sinnvoller erster Schritt.

Inkontinenz vorbeugen: was außer Training hilft

Beckenbodentraining ist der wichtigste Baustein, um Inkontinenz vorzubeugen. Diese Punkte ergänzen es:

  • Gewicht: Übergewicht erhöht dauerhaft den Druck auf den Beckenboden. Schon 8 Prozent weniger Körpergewicht senkten die Inkontinenz-Episoden deutlich (Subak 2009).
  • Koffein: Bei überaktiver Blase empfiehlt NICE einen Versuch mit weniger Koffein (NICE 2019). Teste zwei Wochen lang, ob der Drang nachlässt, wenn du Kaffee, schwarzen und grünen Tee und Energydrinks reduzierst.
  • Trinkmenge: Eine feste Literzahl für alle gibt es nicht. Wer sehr viel oder sehr wenig trinkt, sollte die Menge anpassen (NICE 2019). Zu wenig ist keine Lösung: Konzentrierter Urin reizt die Blase, und Verstopfung wird wahrscheinlicher.
  • Verstopfung: Häufiges starkes Pressen belastet den Beckenboden. Ballaststoffe, ausreichend Flüssigkeit und Bewegung halten den Stuhl weich.
  • Rauchen: Chronischer Raucherhusten bedeutet ständige Druckspitzen auf den Beckenboden. Ein Grund mehr aufzuhören.
  • Kraft und Bewegung: Wer beweglich und kräftig bleibt, kommt auch im Alter rechtzeitig zur Toilette. Wie du Muskeln über die Jahre erhältst, steht im Krafttraining-Guide und im Beitrag über Sarkopenie. Beim schweren Heben gilt: vorher Beckenboden anspannen, ausatmen, nicht pressen.

Häufige Fehler beim Beckenbodentraining

  • Nach unten pressen statt nach oben ziehen. Ein Viertel der Frauen in der Untersuchung von Bump spannte so an, dass es die Inkontinenz fördern konnte (Bump 1991). Wenn du unsicher bist, lass es überprüfen.
  • Luft anhalten. Das erhöht den Druck im Bauch, gegen den der Beckenboden arbeiten soll. Atme ruhig weiter, gern beim Anspannen aus.
  • Po, Bauch und Oberschenkel anspannen. Das fühlt sich nach viel Arbeit an, trainiert aber am Ziel vorbei. Direktes Training des Beckenbodens wirkt besser als indirekte Übungen (Hay-Smith 2024).
  • Nicht lösen. Ohne vollständige Entspannung zwischen den Wiederholungen ermüdet der Muskel, und ein dauerhaft angespannter Beckenboden kann Schmerzen machen.
  • Zu früh aufhören. Die Studien liefen 8 Wochen bis 6 Monate (Dumoulin 2018). Wer nach zwei Wochen aufgibt, hat den Test nicht gemacht.
  • Nur im Liegen üben. Urin geht im Stehen und in Bewegung verloren. Nimm das Stehen früh dazu.

Wann du zum Arzt oder in die Physiotherapie gehst

Beckenbodentraining kannst du sofort beginnen, auch ohne Diagnose. Diese Situationen gehören aber in eine Praxis, hausärztlich, gynäkologisch oder urologisch:

  • Blut im Urin, Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen, Fieber.
  • Plötzlicher Beginn ohne erkennbaren Anlass, vor allem zusammen mit Taubheit, Schwäche in den Beinen oder Problemen beim Stuhlgang.
  • Schwacher Strahl, Nachtröpfeln und das Gefühl, die Blase nie ganz leer zu bekommen, bei Männern oft ein Zeichen für eine vergrößerte Prostata. Hier kann Überlaufinkontinenz dahinterstecken, die Training nicht löst.
  • Ein Fremdkörper- oder Druckgefühl in der Scheide, das auf eine Senkung hinweisen kann.
  • Keine Besserung nach 3 Monaten regelmäßigem Training. Dann sind die nächsten Schritte dran, von angeleiteter Physiotherapie bis zu weiteren Behandlungen (NICE 2019).
  • Du findest den Muskel nicht sicher. Eine Beckenboden-Physiotherapeutin kann das in einer Sitzung klären. Ärztinnen und Ärzte können Physiotherapie verordnen.

Scham ist verständlich, aber in der Praxis ist das Thema Alltag. Ein Blasentagebuch über einige Tage, in dem du Trinkmenge, Toilettengänge und Urinverluste notierst, macht das Gespräch leichter und die Diagnose genauer. Wenn du ohnehin einen Termin planst, passt die Frage gut in den Gesundheits-Check-up.

Häufige Fragen zum Beckenbodentraining

Wie oft am Tag sollte ich Beckenbodentraining machen?

Dreimal am Tag mindestens 8 Anspannungen ist der Richtwert der NICE-Leitlinie (NICE 2019). In Studien waren es 8 bis 15 Wiederholungen pro Einheit (Bø 1999, Goode 2011). Nach 12 Wochen reicht zum Erhalten oft eine Einheit täglich.

Wie lange dauert es, bis Beckenbodentraining wirkt?

Plane etwa 3 Monate ein. Die Studien, in denen Training bei Belastungsinkontinenz Heilungsraten von 56 gegen 6 Prozent erreichte, liefen über 3 bis 6 Monate (Dumoulin 2018). Früher spürbar ist oft die bessere Kontrolle beim Husten, wenn du den Beckenboden vorher bewusst anspannst (Miller 1998).

Kann man Inkontinenz vorbeugen?

Ja, in vielen Fällen. Am besten belegt ist das in der Schwangerschaft: Frühes Training senkte das Risiko im späten Schwangerschaftsdrittel um 62 Prozent (Woodley 2020). Dazu kommen ein gesundes Gewicht, kein Rauchen und das Vermeiden von Verstopfung.

Was bringt Beckenbodentraining für Männer?

Nach einer Prostata-OP beschleunigt es die Rückkehr der Kontinenz (Van Kampen 2000), der Vorteil nach einem Jahr ist aber unsicher (Glazener 2011, Anderson 2015). Gut belegt ist es bei Nachtröpfeln (Dorey 2004) und als Baustein bei Erektionsproblemen (Dorey 2005).

Darf ich zum Üben den Harnstrahl unterbrechen?

Einmal zum Erspüren ja, als regelmäßiges Training nein. Die Blase soll sich vollständig entleeren. Trainiere mit leerer Blase im Liegen, Sitzen oder Stehen.

Hilft Beckenbodentraining auch bei Dranginkontinenz?

Ja, als Teil der Behandlung. Über alle Formen der Inkontinenz hinweg lag die Heilungsrate mit Training bei 35 gegen 6 Prozent (Dumoulin 2018). Bei starkem Drang gehören Blasentraining und weniger Koffein dazu (NICE 2019).

Bin ich zu alt für Beckenbodentraining?

Nein. In den Studien waren Frauen im Mittel 68 Jahre (Miller 1998) und Männer bis 84 Jahre alt (Goode 2011), und das Training wirkte.

Quellen

  1. Dumoulin C, Cacciari LP, Hay-Smith EJC. Pelvic floor muscle training versus no treatment, or inactive control treatments, for urinary incontinence in women. Cochrane Database Syst Rev 2018. PubMed
  2. Woodley SJ et al. Pelvic floor muscle training for preventing and treating urinary and faecal incontinence in antenatal and postnatal women. Cochrane Database Syst Rev 2020. PubMed
  3. Hay-Smith EJC et al. Comparisons of approaches to pelvic floor muscle training for urinary incontinence in women. Cochrane Database Syst Rev 2024. PubMed
  4. Hannestad YS et al. A community-based epidemiological survey of female urinary incontinence: the Norwegian EPINCONT study. J Clin Epidemiol 2000. PubMed
  5. Bump RC et al. Assessment of Kegel pelvic muscle exercise performance after brief verbal instruction. Am J Obstet Gynecol 1991. PubMed
  6. Bø K, Talseth T, Holme I. Single blind, randomised controlled trial of pelvic floor exercises, electrical stimulation, vaginal cones, and no treatment in management of genuine stress incontinence in women. BMJ 1999. PubMed
  7. Miller JM, Ashton-Miller JA, DeLancey JO. A pelvic muscle precontraction can reduce cough-related urine loss in selected women with mild SUI. J Am Geriatr Soc 1998. PubMed
  8. Subak LL et al. Weight loss to treat urinary incontinence in overweight and obese women. N Engl J Med 2009. PubMed
  9. Anderson CA et al. Conservative management for postprostatectomy urinary incontinence. Cochrane Database Syst Rev 2015. PubMed
  10. Van Kampen M et al. Effect of pelvic-floor re-education on duration and degree of incontinence after radical prostatectomy: a randomised controlled trial. Lancet 2000. PubMed
  11. Glazener C et al. Urinary incontinence in men after formal one-to-one pelvic-floor muscle training following radical prostatectomy or transurethral resection of the prostate (MAPS): two parallel randomised controlled trials. Lancet 2011. PubMed
  12. Zhou L et al. Preoperative pelvic floor muscle exercise for continence after radical prostatectomy: a systematic review and meta-analysis. Front Public Health 2023. PubMed
  13. Goode PS et al. Behavioral therapy with or without biofeedback and pelvic floor electrical stimulation for persistent postprostatectomy incontinence: a randomized controlled trial. JAMA 2011. PubMed
  14. Paterson J, Pinnock CB, Marshall VR. Pelvic floor exercises as a treatment for post-micturition dribble. Br J Urol 1997. PubMed
  15. Dorey G et al. Pelvic floor exercises for treating post-micturition dribble in men with erectile dysfunction: a randomized controlled trial. Urol Nurs 2004. PubMed
  16. Dorey G et al. Pelvic floor exercises for erectile dysfunction. BJU Int 2005. PubMed
  17. NICE. Urinary incontinence and pelvic organ prolapse in women: management (NG123), Empfehlungen 1.4.1 bis 1.4.5. National Institute for Health and Care Excellence 2019. nice.org.uk
Gregor Karmann, Autor von beyond100

Verfasst von Gregor Karmann

Gregor Karmann ist Gesundheits- und Präventionsmanager und schreibt seit 2023 auf beyond100 über evidenzbasierte Langlebigkeit. Er liest die Studien selbst, testet Methoden und Geräte im eigenen Alltag und empfiehlt nur, was messbar wirkt und bezahlbar bleibt. Jeder Beitrag wird redaktionell geprüft, so arbeitet beyond100 mit KI.

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