Hormonersatztherapie in den Wechseljahren: Nutzen, Risiken
Was eine Hormonersatztherapie ist, warum die WHI-Studie von 2002 heute anders gelesen wird, was sie gegen Hitzewallungen und für die Knochen bringt, wie hoch Brustkrebs, Thrombose und Schlaganfall pro 1.000 Frauen steigen, wer keine Hormone nehmen sollte und was ohne Hormone hilft.

Kurz gesagt
Hormone sind das wirksamste Mittel gegen Hitzewallungen. Unter 60 und in den ersten 10 Jahren nach der Menopause überwiegt bei belastenden Beschwerden ohne Gegenanzeigen der Nutzen.
- Eine Hormonersatztherapie senkt die Zahl der Hitzewallungen um rund 75 Prozent gegenüber Placebo (MacLennan 2004) und beugt Knochenbrüchen vor: Über 10 Jahre ab 50 erleiden 80 statt 127 von 1.000 Frauen einen Fragilitätsbruch (NICE 2024).
- Das Brustkrebsrisiko steigt mit der Dauer: 5 Jahre kombinierte Therapie ab 50 bedeuten bis 69 rund 20 zusätzliche Fälle pro 1.000 Frauen, mit Östrogen allein deutlich weniger (NICE 2024, Collaborative Group 2019). Pflaster und Gel erhöhen das Thromboserisiko nicht, Tabletten schon (Vinogradova 2019).
- Die WHI-Studie von 2002 hat vor allem Frauen um die 63 untersucht. Wer unter 60 oder in den ersten 10 Jahren nach der Menopause beginnt, hat ein deutlich günstigeres Verhältnis (Manson 2013, NAMS 2022). Ohne Hormone helfen Fezolinetant, Elinzanetant und kognitive Verhaltenstherapie.
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Eine Hormonersatztherapie in den Wechseljahren ist das wirksamste Mittel gegen Hitzewallungen und Nachtschweiß, und trotzdem haben viele Frauen Angst davor. Der Grund liegt über 20 Jahre zurück: 2002 wurde die große amerikanische WHI-Studie abgebrochen, weil unter Hormonen mehr Brustkrebs und mehr Herzinfarkte auftraten. Seitdem ist viel nachgerechnet worden. Dieser Guide zeigt Präparate, Nutzen und Risiken in absoluten Zahlen pro 1.000 Frauen, wer keine Hormone nehmen sollte und was ohne Hormone hilft. Entscheiden tust du mit deiner Frauenärztin, aber mit den richtigen Zahlen.
Was ist eine Hormonersatztherapie in den Wechseljahren?
In den Wechseljahren stellen die Eierstöcke die Produktion von Östrogen und Progesteron nach und nach ein. Eine Hormonersatztherapie, in Fachkreisen heute meist menopausale Hormontherapie genannt, gleicht einen Teil davon aus. Sie hält die Wechseljahre nicht auf, lindert aber die Beschwerden des Östrogenabfalls, vor allem Hitzewallungen, Nachtschweiß und Scheidentrockenheit. Welche Beschwerden typisch sind und wie lange sie dauern, steht im Guide zu den Symptomen der Wechseljahre.
Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt, Frauen mit Hitzewallungen eine Hormontherapie anzubieten, nachdem sie über kurzfristigen und langfristigen Nutzen und Risiken aufgeklärt wurden (DGGG 2020). Die amerikanische Menopause-Gesellschaft kommt zum selben Schluss: Hormone bleiben die wirksamste Behandlung gegen Hitzewallungen und gegen die Beschwerden an Scheide und Blase, und sie beugen Knochenschwund und Brüchen vor (NAMS 2022).
Östrogen allein oder Östrogen mit Gestagen
Gegen die Beschwerden wirkt das Östrogen. Allein bekommt es aber nur, wer keine Gebärmutter mehr hat, denn Östrogen lässt die Gebärmutterschleimhaut wachsen, und ohne Gegenspieler steigt das Risiko für Gebärmutterkrebs: Von 1.000 Frauen mit Gebärmutter, die ab 50 Östrogen allein nehmen, erkranken bis 54 etwa 11 statt 4 (NICE 2024). Deshalb bekommen Frauen mit Gebärmutter immer ein Gestagen dazu, das die Schleimhaut schützt (DGGG 2020, Stute 2018).
- Östrogen-Monotherapie: nur nach Entfernung der Gebärmutter.
- Kombinierte Therapie, sequenziell: Östrogen täglich, Gestagen nur an einem Teil der Tage im Monat. Danach kommt meist eine Abbruchblutung. Gebärmutterkrebs wird damit etwas häufiger als ganz ohne Hormone, 8 statt 4 Fälle pro 1.000 Frauen über 5 Jahre (NICE 2024). Das passt eher in die Perimenopause, wenn die Periode noch kommt.
- Kombinierte Therapie, kontinuierlich: Östrogen und Gestagen jeden Tag, in der Regel ohne Blutung. Das passt eher nach der Menopause. Gebärmutterkrebs wird damit sogar seltener: 1 statt 4 Fälle pro 1.000 Frauen über 5 Jahre (NICE 2024).
Tablette, Pflaster, Gel oder Spray
Östrogen kann geschluckt werden oder über die Haut gehen, als Pflaster, Gel oder Spray. Gestagen gibt es als Tablette, als Pflaster in Kombination mit Östrogen oder als Hormonspirale (NICE 2026). Der Unterschied ist nicht kosmetisch: In britischen Praxisdaten mit 80.396 Thrombosefällen erhöhten Tabletten das Thromboserisiko um 58 Prozent, Pflaster und Gele gar nicht (Vinogradova 2019). Beim Schlaganfall zeigten niedrig dosierte Pflaster kein erhöhtes Risiko, Tabletten eines um 28 Prozent (Renoux 2010). Für Frauen mit Übergewicht oder anderen Thromboserisiken empfiehlt NICE deshalb ausdrücklich die Haut statt der Tablette (NICE 2026).
Bioidentische Hormone: was dahintersteckt
„Bioidentisch“ heißt nur, dass das Hormon chemisch genauso gebaut ist wie das körpereigene. Das trifft auf Estradiol und mikronisiertes Progesteron zu, und beide gibt es als ganz normale, zugelassene Medikamente. Für individuell angemischte Rezepturen, die als „natürlicher“ und sicherer beworben werden, fehlen die Belege. Die amerikanische Frauenärztegesellschaft rät von angemischten „bioidentischen“ Hormonen ab, solange zugelassene Präparate verfügbar sind (ACOG 2023), und NICE weist darauf hin, dass Wirksamkeit und Sicherheit unregulierter Hormonpräparate unbekannt sind (NICE 2026).
Beim Gestagen spielt die Wahl allerdings eine Rolle. In der französischen E3N-Kohorte mit 80.377 Frauen war Östrogen mit Progesteron nicht mit mehr Brustkrebs verbunden (relatives Risiko 1,00), Östrogen mit Dydrogesteron kaum (1,16), Östrogen mit anderen Gestagenen deutlich (1,69) (Fournier 2008). Laut einem Expertengremium erhöht mikronisiertes Progesteron das Brustkrebsrisiko bis zu 5 Jahre nicht, darüber hinaus möglicherweise schon (Stute 2018). NICE hält die Daten für zu dünn, um einen Unterschied sicher zu behaupten (NICE 2026). Progesteron und Dydrogesteron schneiden also besser ab, bewiesen ist der Vorteil nicht.
Hormone für die Wechseljahre: Präparate im Überblick
Entscheidend sind Wirkstoff und Weg in den Körper, nicht der Markenname.
| Präparat | Wofür | Was du wissen solltest |
|---|---|---|
| Estradiol als Pflaster, Gel oder Spray | Hitzewallungen, Schlaf, Knochen | Kein erhöhtes Thromboserisiko (Vinogradova 2019), bei niedriger Dosis kein erhöhtes Schlaganfallrisiko (Renoux 2010). Mit Gebärmutter immer plus Gestagen |
| Estradiol als Tablette | Hitzewallungen, Schlaf, Knochen | Thromboserisiko erhöht, aber geringer als bei konjugierten Östrogenen (Vinogradova 2019) |
| Konjugierte Östrogene als Tablette | wie oben | Das Präparat der WHI-Studie. Höchstes Thromboserisiko in Kombination mit Medroxyprogesteronacetat (Vinogradova 2019) |
| Mikronisiertes Progesteron oder Dydrogesteron | Schutz der Gebärmutterschleimhaut | In Beobachtungsstudien günstiger für Brust und Gerinnung (Fournier 2008, Vinogradova 2019) |
| Hormonspirale mit Levonorgestrel | Schutz der Gebärmutterschleimhaut | Eine der drei Formen, das Gestagen zu geben, neben Tablette und Pflaster (NICE 2026) |
| Östrogen als Vaginalcreme, Zäpfchen oder Ring | Scheidentrockenheit, Schmerzen beim Sex, Blasenbeschwerden | Wirkt lokal, braucht kein Gestagen (NAMS 2020), kein erhöhtes Brustkrebsrisiko nachweisbar (Collaborative Group 2019) |
Die WHI-Studie von 2002 und warum sie heute anders gelesen wird
In der Women’s Health Initiative bekamen 16.608 Frauen zwischen 50 und 79 mit Gebärmutter konjugierte Östrogene plus Medroxyprogesteronacetat oder Placebo. Nach 5,2 Jahren wurde der Versuch abgebrochen. Pro 10.000 Frauen und Jahr traten unter Hormonen 7 Herzereignisse, 8 Schlaganfälle, 8 Lungenembolien und 8 Brustkrebsfälle mehr auf, dafür 6 Darmkrebsfälle und 5 Hüftbrüche weniger (Rossouw 2002).
Drei Dinge wurden dabei übersehen. Erstens: Die Teilnehmerinnen waren im Mittel 63 Jahre alt (Manson 2017). Frauen, die Hormone nehmen, beginnen im Mittel mit 50 (Collaborative Group 2019). Zweitens: Im zweiten Studienarm bekamen 10.739 Frauen ohne Gebärmutter Östrogen allein. Dort gab es keinen Anstieg bei Herzerkrankungen, eher weniger Brustkrebs, 6 Hüftbrüche weniger, aber 12 Schlaganfälle mehr pro 10.000 Frauen und Jahr, und unterm Strich keine Mehrbelastung (Anderson 2004). Drittens: Die Studie sollte klären, ob Hormone bei gesunden Frauen chronischen Krankheiten vorbeugen (Rossouw 2002). Um die Behandlung von Hitzewallungen ging es nicht.
Die Neubewertung: das Timing zählt
Die Neuauswertungen der WHI-Daten zeigen ein anderes Bild. Bei 27.347 Frauen und 18 Jahren Nachbeobachtung starben unter Hormonen genauso viele wie unter Placebo, 27,1 gegenüber 27,6 Prozent, auch bei Herz-Kreislauf- und Krebstod gab es keinen Unterschied (Manson 2017). Nach Alter getrennt zeigt sich die Timing-Hypothese: Bei Frauen zwischen 50 und 59 traten unter Östrogen allein pro 10.000 Frauen und Jahr 19 schwere Ereignisse weniger auf, bei Frauen zwischen 70 und 79 dagegen 51 mehr. Unter der Kombination waren es bei den 50- bis 59-Jährigen 12 zusätzliche, bei den 70- bis 79-Jährigen 38 (Manson 2013).
Die Cochrane-Auswertung von 19 Studien mit 40.410 Frauen bestätigt das. Wer innerhalb von 10 Jahren nach der Menopause begann, hatte eine um 30 Prozent niedrigere Sterblichkeit und ein um 48 Prozent niedrigeres Risiko für Herztod oder Herzinfarkt, bei später Begonnenen gab es diesen Vorteil nicht (Boardman 2015). In der ELITE-Studie verlangsamte Estradiol die Verdickung der Halsschlagaderwand nur bei Frauen, die weniger als 6 Jahre nach der Menopause anfingen, nicht bei Frauen, die 10 Jahre oder länger danach begannen (Hodis 2016).
Ein Freifahrtschein ist das nicht. Zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bringen Hormone laut Cochrane kaum Nutzen, und auch bei frühem Beginn blieb das Thromboserisiko erhöht (Boardman 2015). Die heutige Lesart: Unter 60 oder in den ersten 10 Jahren nach der Menopause, ohne Gegenanzeigen, ist das Verhältnis bei belastenden Hitzewallungen und zur Vorbeugung von Knochenschwund günstig. Wer später beginnt, trägt höhere absolute Risiken für Herz, Schlaganfall, Thrombose und Demenz (NAMS 2022).
Nutzen: Hitzewallungen, Knochen, Scheide und Blase
Hitzewallungen und Nachtschweiß
In 24 placebokontrollierten Studien mit 3.329 Frauen verringerten Hormone die Zahl der Hitzewallungen um 75 Prozent gegenüber Placebo, und die verbleibenden waren deutlich schwächer (MacLennan 2004). Auch unter Scheinmedikament gingen die Hitzewallungen um 58 Prozent zurück (MacLennan 2004). Deshalb sagen Erfahrungsberichte zu Pflanzenpräparaten so wenig. Mehr dazu im Guide zu Nachtschweiß.
Knochen
Hormone beugen Knochenschwund und Brüchen vor (NAMS 2022). Von 1.000 Frauen, die ab 50 keine Hormone nehmen, erleiden bis 54 etwa 60 einen Knochenbruch ohne großen Unfall, mit 5 Jahren Hormontherapie sind es 40. Über 10 Jahre sind es 127 gegenüber 80 (NICE 2024). Der Schutz hält aber nur, solange die Therapie läuft, und nimmt nach dem Absetzen ab (NICE 2026). Was Krafttraining, Kalzium und Vitamin D beitragen, steht im Guide Osteoporose vorbeugen.
Scheide und Blase
Trockenheit, Brennen, Schmerzen beim Sex und häufiger Harndrang betreffen je nach Studie 27 bis 84 Prozent der Frauen nach der Menopause und werden oft gar nicht angesprochen (NAMS 2020). Bei leichten Beschwerden reichen oft Gleitmittel und Feuchtigkeitsgels, bei stärkeren wirkt niedrig dosiertes Östrogen in der Scheide, ohne zusätzliches Gestagen (NAMS 2020). Anders als bei Tabletten und Pflastern fand die weltweite Brustkrebs-Auswertung für vaginale Östrogene kein erhöhtes Risiko (Collaborative Group 2019). NICE empfiehlt die vaginale Behandlung ausdrücklich auch zusätzlich zu einer systemischen Hormontherapie (NICE 2026).
Risiken der Hormonersatztherapie in Zahlen pro 1.000 Frauen
Relative Risiken klingen dramatisch und sagen wenig. Entscheidend ist, wie viele von 1.000 Frauen zusätzlich erkranken. Genau das hat die britische Leitlinienbehörde für Frauen berechnet, die mit etwa 50 beginnen (NICE 2024).
Brustkrebs
Das Brustkrebsrisiko ist real. Die Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer hat die Daten von 108.647 Frauen mit Brustkrebs aus allen verfügbaren prospektiven Studien zusammengeführt. Jede Form der systemischen Hormontherapie erhöhte das Risiko, mit Östrogen plus Gestagen stärker als mit Östrogen allein, und das Risiko stieg mit der Dauer (Collaborative Group 2019). In absoluten Zahlen: Von 1.000 Frauen ohne Hormone erkranken zwischen 50 und 69 etwa 59. Mit 5 Jahren kombinierter Therapie ab 50 sind es 79, also 20 mehr, mit 10 Jahren 92, also 33 mehr (NICE 2024).
Mit Östrogen allein ist der Anstieg kleiner: NICE rechnet mit 10 zusätzlichen Fällen pro 1.000 Frauen nach 5 Jahren (NICE 2024), die Collaborative Group mit etwa einem Fall pro 200 Anwenderinnen, bei Übergewicht kaum einem (Collaborative Group 2019). Nach dem Absetzen sinkt das Risiko wieder, bleibt aber über 10 Jahre leicht erhöht, und wer weniger als ein Jahr Hormone nimmt, trägt kaum ein zusätzliches Risiko (Collaborative Group 2019). Sprich in der Beratung auch die anderen Brustkrebs-Risikofaktoren an, von denen du einige selbst beeinflusst (Stute 2018).
Thrombose und Lungenembolie
Das Alter macht einen großen Unterschied. In den britischen Praxisdaten lag die Grundrate bei Frauen zwischen 40 und 54 bei 9 Thrombosen pro 10.000 Frauen und Jahr; Tabletten brachten in diesem Alter 5 zusätzliche Fälle pro 10.000 Frauen und Jahr, zwischen 55 und 64 schon 15 (Vinogradova 2019). Auf 1.000 Frauen um die 50 und 5 Jahre hochgerechnet sind das rund 2 bis 3 zusätzliche Thrombosen. Östrogen über die Haut erhöhte das Risiko nicht (Vinogradova 2019).
Schlaganfall
Das Grundrisiko ist in den Fünfzigern klein: Von 1.000 Frauen haben zwischen 50 und 54 etwa 3 einen Schlaganfall. Mit Östrogen allein als Tablette sind es 4, mit Pflaster oder Gel bleibt es bei 3; auch unter kombinierter Therapie ist der Unterschied zu klein, um in Gruppen von 1.000 Frauen sichtbar zu werden, bei Tabletten aber statistisch nachweisbar (NICE 2024). Über alle Studien hinweg, mit vielen älteren Teilnehmerinnen und Tabletten, waren es 6 zusätzliche Schlaganfälle pro 1.000 Frauen über rund 4 Jahre (Boardman 2015).
Herz, Demenz und Eierstöcke
Bei Beginn um 50 steigt das Risiko für Herzerkrankungen kaum: 10 statt 9 Fälle pro 1.000 Frauen über 5 Jahre, die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit nimmt nicht zu (NICE 2024, NICE 2026). Anders bei spätem Beginn: Wer ab 65 mit einer kombinierten Therapie anfängt, hat über 4 Jahre 18 statt 9 Demenzfälle pro 1.000 Frauen (NICE 2024). Für Frauen in den Fünfzigern waren die Daten zur Demenz nicht eindeutig. Eierstockkrebs wird minimal häufiger: 2 statt 1 Fall pro 1.000 Frauen über 5 Jahre (NICE 2024).
Nutzen und Risiken im Überblick
Die Zahlen gelten für Frauen, die mit etwa 50 beginnen. Achte auf die Spalte „Zeitraum“, sie unterscheidet sich je Zeile.
| Ergebnis | Ohne Hormone | Mit Hormonen | Zeitraum | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Hitzewallungen | Placebo: minus 58 Prozent | zusätzlich minus 75 Prozent gegenüber Placebo | 3 Monate bis 3 Jahre | MacLennan 2004 |
| Knochenbruch ohne großen Unfall | 60 von 1.000 | 40 von 1.000 (20 weniger) | 5 Jahre ab 50 | NICE 2024 |
| Knochenbruch ohne großen Unfall | 127 von 1.000 | 80 von 1.000 (47 weniger) | 10 Jahre ab 50 | NICE 2024 |
| Brustkrebs, Östrogen plus Gestagen | 59 von 1.000 | 79 von 1.000 (20 mehr) | 5 Jahre Therapie ab 50, Diagnosen bis 69 | NICE 2024 |
| Brustkrebs, Östrogen allein | 59 von 1.000 | 69 von 1.000 (10 mehr) | 5 Jahre Therapie ab 50, Diagnosen bis 69 | NICE 2024 |
| Gebärmutterkrebs, kontinuierlich kombiniert | 4 von 1.000 | 1 von 1.000 (3 weniger) | 5 Jahre ab 50 | NICE 2024 |
| Thrombose, Tablette | 9 pro 10.000 und Jahr | plus 5 pro 10.000 und Jahr | Alter 40 bis 54 | Vinogradova 2019 |
| Thrombose, Pflaster oder Gel | 9 pro 10.000 und Jahr | kein Anstieg | alle Altersgruppen | Vinogradova 2019 |
| Schlaganfall, Östrogen allein als Tablette | 3 von 1.000 | 4 von 1.000 (1 mehr) | 5 Jahre ab 50 | NICE 2024 |
| Schlaganfall, Pflaster oder Gel | 3 von 1.000 | 3 von 1.000 | 5 Jahre ab 50 | NICE 2024 |
| Herzerkrankung, kombiniert | 9 von 1.000 | 10 von 1.000 | 5 Jahre ab 50 | NICE 2024 |
| Demenz, kombiniert, Beginn ab 65 | 9 von 1.000 | 18 von 1.000 (9 mehr) | 4 Jahre | NICE 2024 |
| Sterblichkeit | 27,6 Prozent | 27,1 Prozent | 18 Jahre, Frauen 50 bis 79 | Manson 2017 |
Wie du die Zeilen gewichtest, ist deine Entscheidung: Mit Brustkrebs in der Familie liest du sie anders als mit frühem Knochenschwund.
Nebenwirkungen der Hormonersatztherapie in den Wechseljahren
Neben den seltenen, schweren Risiken gibt es häufige, harmlosere Nebenwirkungen. In den Placebostudien waren das vor allem Spannen in der Brust, Wassereinlagerungen, Gelenkbeschwerden und psychische Beschwerden; wegen Nebenwirkungen brachen aber nicht mehr Frauen ab als unter Placebo (MacLennan 2004). Hinzu kommen Blutungen: In den ersten 6 Monaten und in den 3 Monaten nach jeder Dosisänderung sind Zwischenblutungen häufig und meist harmlos. Dauern sie länger an oder treten sie später neu auf, gehören sie abgeklärt (NICE 2026). NICE empfiehlt die niedrigste wirksame Dosis und eine Kontrolle nach 3 Monaten, danach jährlich (NICE 2026).
Wer keine Hormone nehmen sollte: Gegenanzeigen
Die Gegenanzeigen der Östrogenpräparate sind weitgehend gleich. Keine systemische Hormontherapie bei (Fachinformation 2026):
- bestehendem oder früherem Brustkrebs oder einem entsprechenden Verdacht,
- anderen östrogenabhängigen Tumoren wie Gebärmutterkrebs oder dem Verdacht darauf,
- nicht abgeklärten Blutungen aus der Scheide,
- unbehandelter Wucherung der Gebärmutterschleimhaut (Endometriumhyperplasie),
- bestehender oder früherer Thrombose oder Lungenembolie,
- bekannter Gerinnungsstörung mit Thromboseneigung, etwa Protein-C-, Protein-S- oder Antithrombin-Mangel,
- bestehendem oder früherem Herzinfarkt oder Schlaganfall,
- akuter Lebererkrankung oder einer früheren, solange die Leberwerte nicht normal sind,
- Porphyrie.
Daneben gibt es Situationen, in denen Hormone möglich sind, aber sorgfältiger abgewogen werden müssen, etwa bei starkem Übergewicht oder Thrombosen in der Familie. Dann ist Östrogen über die Haut meist die bessere Wahl, und bei hohem Thromboserisiko empfiehlt NICE vorher eine hämatologische Abklärung (NICE 2026). Sonderfall vorzeitige Menopause vor 40: Hier wird empfohlen, Hormone mindestens bis zum natürlichen Menopausealter zu nehmen, weil das Grundrisiko für Brustkrebs und Herzkrankheiten in diesem Alter sehr niedrig ist (NICE 2026).
Wechseljahre ohne Hormonersatztherapie: was nachweislich hilft
Manche Frauen dürfen keine Hormone nehmen, andere wollen nicht. Gegen Hitzewallungen empfiehlt die amerikanische Menopause-Gesellschaft mit guter Evidenz: kognitive Verhaltenstherapie, klinische Hypnose, bestimmte Antidepressiva (SSRI und SNRI), Gabapentin und Fezolinetant. Nicht empfohlen: Nahrungsergänzungsmittel und Pflanzenpräparate, Soja, Akupunktur, Yoga und Sport gegen die Hitzewallungen selbst (NAMS 2023).
Fezolinetant und Elinzanetant
Fezolinetant ist seit Dezember 2023 in der EU zugelassen (EMA 2023). Es blockiert im Gehirn den Botenstoff Neurokinin B, der das Temperaturzentrum steuert (EMA 2023). Die Wirkung ist kleiner als bei Hormonen: Nach 12 Wochen gingen die mittelschweren bis schweren Hitzewallungen um 63 Prozent zurück, unter Placebo um 40 Prozent (EMA 2023). In SKYLIGHT 1 mit Frauen, die im Schnitt mindestens 7 Hitzewallungen am Tag hatten, waren es gut 2 pro Tag weniger als unter Placebo (Lederman 2023). Auch bei Frauen, für die Hormone nicht in Frage kamen, wirkte es (Schaudig 2024).
Der Haken ist die Leber. Nach der Zulassung wurden schwere Leberschäden beobachtet, seit Januar 2025 müssen die Leberwerte deshalb vor Beginn und in den ersten 3 Monaten monatlich kontrolliert werden, und bei Müdigkeit, Juckreiz, Gelbfärbung, dunklem Urin oder hellem Stuhl solltest du sofort ärztliche Hilfe suchen (Rote-Hand-Brief 2025). Gemeldet werden vor allem erhöhte Leberwerte, meist früh in der Behandlung (Lee 2026). Seit November 2025 ist mit Elinzanetant ein zweites Mittel dieser Klasse in der EU zugelassen; in den Zulassungsstudien sanken die täglichen Hitzewallungen nach 12 Wochen um rund 9 gegenüber rund 6 unter Placebo (EMA 2025).
Kognitive Verhaltenstherapie
Kognitive Verhaltenstherapie setzt daran an, wie stark dich die Hitzewallungen belasten. In der MENOS-2-Studie mit 140 Frauen, die mindestens 10 belastende Hitzewallungen pro Woche hatten, sank die Belastung auf einer Skala von 1 bis 10 nach 6 Wochen um gut 2 Punkte, nach 26 Wochen noch um gut 1 Punkt, in der Gruppe genauso wie mit angeleitetem Selbsthilfebuch, und Nachtschweiß wurde seltener (Ayers 2012). Die deutsche Leitlinie nennt die Verhaltenstherapie als Option (DGGG 2020), NAMS empfiehlt sie mit der höchsten Evidenzstufe (NAMS 2023).
Was nicht oder kaum hilft
Traubensilberkerze, das bekannteste Pflanzenmittel, unterschied sich in der Cochrane-Auswertung von 16 Studien mit 2.027 Frauen bei der Zahl der Hitzewallungen nicht von Placebo, Hormone wirkten deutlich besser (Leach 2012). Die deutsche Leitlinie lässt Traubensilberkerze und Isoflavone als Option zu (DGGG 2020), die amerikanische Gesellschaft rät davon ab (NAMS 2023). Sport ändert an den Hitzewallungen wenig (NAMS 2023), lohnt sich aber für Knochen und Muskeln. Wie du anfängst, steht im Guide Krafttraining für Langlebigkeit.
Wie lange und wie absetzen?
Eine feste Obergrenze gibt es nicht. Die Leitlinien empfehlen, Nutzen und Risiken regelmäßig neu abzuwägen, mindestens einmal im Jahr, und längere Einnahme an einen konkreten Grund zu knüpfen, etwa anhaltende Hitzewallungen (NAMS 2022, NICE 2026). Beim Absetzen hast du die Wahl zwischen schrittweisem Ausschleichen und sofortigem Absetzen. Ausschleichen kann kurzfristig verhindern, dass die Beschwerden gleich zurückkommen, langfristig macht es keinen Unterschied (NICE 2026).
Dein nächster Schritt: das Gespräch mit der Frauenärztin vorbereiten
Dieser Guide ersetzt keine ärztliche Beratung, aber du kannst vorbereitet ins Gespräch gehen:
- Zwei Wochen Beschwerden notieren: Hitzewallungen pro Tag, nächtliches Aufwachen, Belastung von 1 bis 10. So wird die Wirkung später überprüfbar.
- Deine Risiken aufschreiben: Brustkrebs, Eierstockkrebs, Thrombosen, Herzinfarkt oder Schlaganfall bei dir oder in der Familie, Rauchen, Gewicht, Blutdruck.
- Die richtigen Fragen stellen: Kommt Östrogen über die Haut für mich in Frage? Welches Gestagen, und warum? Welche Dosis ist die niedrigste wirksame? Wann kontrollieren wir die Wirkung?
- Nach Alternativen fragen, wenn Hormone nicht passen.
- Einen Kontrolltermin nach 3 Monaten vereinbaren und danach einmal im Jahr neu entscheiden.
Blutungen nach der Menopause, ein neuer Knoten in der Brust, ein einseitig geschwollenes, schmerzendes Bein, plötzliche Atemnot oder Anzeichen eines Schlaganfalls gehören immer sofort ärztlich abgeklärt. Wie Frauen Gesundheit in dieser Lebensphase insgesamt angehen können, zeigt der Guide Longevity für Frauen.
Häufige Fragen zur Hormonersatztherapie in den Wechseljahren
Macht eine Hormonersatztherapie Brustkrebs?
Sie erhöht das Risiko je nach Art und Dauer: 5 Jahre kombinierte Therapie ab 50 bedeuten bis 69 etwa 79 statt 59 Fälle pro 1.000 Frauen, Östrogen allein etwa 69 (NICE 2024). Vaginale Östrogene erhöhen es nicht (Collaborative Group 2019).
Ab wann ist es zu spät für Hormone?
Ein festes Datum gibt es nicht. Günstig ist das Verhältnis unter 60 oder in den ersten 10 Jahren nach der letzten Periode, danach steigen die absoluten Risiken für Herz, Schlaganfall, Thrombose und Demenz (NAMS 2022).
Sind Pflaster und Gel sicherer als Tabletten?
Bei Thrombose und Schlaganfall ja (Vinogradova 2019, Renoux 2010). Beim Brustkrebs macht der Weg in den Körper keinen erkennbaren Unterschied (Fournier 2008).
Was sind die häufigsten Nebenwirkungen einer Hormonersatztherapie?
Spannen in der Brust, Wassereinlagerungen, Gelenkbeschwerden, psychische Beschwerden (MacLennan 2004) und in den ersten 6 Monaten Zwischenblutungen (NICE 2026). Blutungen, die später neu auftreten, sollten abgeklärt werden.
Sind bioidentische Hormone besser?
Estradiol und mikronisiertes Progesteron sind bioidentisch und als normale Medikamente zugelassen. Individuell angemischte „bioidentische“ Rezepturen haben keinen belegten Vorteil, Fachgesellschaften raten davon ab (ACOG 2023).
Was hilft in den Wechseljahren ohne Hormonersatztherapie?
Fezolinetant, Elinzanetant, kognitive Verhaltenstherapie, Hypnose, bestimmte Antidepressiva und Gabapentin. Pflanzenpräparate wirken in guten Studien nicht besser als Placebo (NAMS 2023, Leach 2012).
Wie lange darf ich Hormone nehmen?
Es gibt keine feste Grenze, aber eine jährliche Neubewertung, und längere Einnahme braucht einen Grund wie anhaltende Beschwerden (NAMS 2022, NICE 2026).
Quellen
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- Anderson GL et al. Effects of conjugated equine estrogen in postmenopausal women with hysterectomy: the Women’s Health Initiative randomized controlled trial. JAMA 2004. PubMed
- Manson JE et al. Menopausal hormone therapy and health outcomes during the intervention and extended poststopping phases of the Women’s Health Initiative randomized trials. JAMA 2013. PubMed
- Manson JE et al. Menopausal Hormone Therapy and Long-term All-Cause and Cause-Specific Mortality: The Women’s Health Initiative Randomized Trials. JAMA 2017. PubMed
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- NICE (National Institute for Health and Care Excellence). HRT and the likelihood of some medical conditions: a discussion aid (zu NG23), 2024. nice.org.uk
- NICE (National Institute for Health and Care Excellence). Menopause: identification and management, NG23, Stand 15. April 2026, Empfehlungen 1.4 bis 1.9. nice.org.uk
- DGGG (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) et al. S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause: Diagnostik und Interventionen, AWMF 015-062, Stand 2020. AWMF
- EMA (European Medicines Agency). Veoza (Fezolinetant): EPAR, Übersicht, 2023. ema.europa.eu
- Rote-Hand-Brief (DHPC) der EMA und Astellas. Veoza (Fezolinetant): Risiko arzneimittelbedingter Leberschäden und neue Empfehlungen zur Überwachung der Leberfunktion, Januar 2025. ema.europa.eu
- EMA (European Medicines Agency). Lynkuet (Elinzanetant): EPAR, Übersicht, 2025. ema.europa.eu
- Fachinformation Duavive (konjugierte Estrogene/Bazedoxifen), Abschnitt 4.3 Gegenanzeigen, EMA, abgerufen 2026. ema.europa.eu
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Gregor Karmann